1. Fahrt - Der Anfang

11.-13. März 2022


Es gab sie schon immer: die grossen Dinge, welche nur durch Kooperation entstanden. 
Doch auch die besten Maschinen müssen manchmal von einer einzelnen Person angekurbelt werden, damit sie starten können.


Durch einen Aufruf nach Hilfeleistungen von Lukas, am Dienstag, dem 8. März 2022, entstand in kurzer Zeit ein Team aus sechs Personen, die sich mit vollem Engagement für die notdürftigen Menschen einsetzen wollten. 

Innerhalb von wenigen Tagen wurde die erste Fahrt in die Ukraine organisiert. Es wurden Fahrzeuge beschafft, Spenden gesammelt, Hilfsgüter zusammengerafft, eine Route geplant und vor allem Flüchtlinge kontaktiert, welche einen Weg aus ihrer Misere in die Schweiz suchten. Drei Tage später fuhren wir los.
 

Wir wussten, wo wir unsere Güter aufladen konnten, dafür hatte Rita gesorgt: Ein Priester der griechisch-ukrainischen Kirchgemeinde in Zürich hat Hilfsgüter für eine Diözese in der Ukraine gesammelt.

 


Die Geschichte von Ivan Machuzhak fand bereits ihren eigenen Weg an die Öffentlichkeit: 

priester-ivan-machuzhak-organisiert-schnelle-hilfe-fuer-seine-heimat-ukraine
(Quelle: katholisches medienzentrum, aufgerufen am 07.04.2022)

 


 

 

Am Freitag um sieben Uhr abends starteten wir mit den vollbeladenen Fahrzeugen von Zürich in Richtung Ukraine. Unsere Fahrt führte mit mehreren Stopps über Stuttgart, Nürnberg und Dresden, bis Görlitz zur Grenze nach Polen und danach via Breslau und Krakau nach Przemysl (ausgesprochen «P-sche-mi-sel») in der Nähe von Medyka.


 

 

Je näher der Krieg kam, desto mehr wuchs die Wut über die gierigen und nach Macht strebenden Personen dieser Welt, die gnadenlos andere Menschen ausnutzen, um ihren eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Es ist kaum vorstellbar, dass tatsächlich junge Frauen und vor allem auch Kinder, die in einer Notsituation aus ihrem Land fliehen, verschleppt werden – für diese Gräueltat gibt es keine Worte – deshalb lassen wir es so stehen. Doch es ist sicherlich einer der Gründe, warum wir unbedingt dorthin fahren.


 

 

In Przemysl trafen wir an unserem «Meeting point» ein, doch es war noch niemand da. Ein eher verlassenes Gebäude, irgendwo ausserhalb dieser grossen Stadt. Vier Nachrichten später war klar, wir treffen uns mit Anna an einem anderen Ort. Wenig Minuten entfernt fahren wir auf einen ebenso verlassenen Parkplatz in der Nähe eines Gebäudes, wo uns ein junger Mann entgegenläuft. Es war nicht Anna die uns erwartete, was uns im ersten Moment suspekt vorkam. Sollten wir hier einem «Unbekannten» unsere Güter überlassen? Nach einem kurzen Telefonat konnte die Sache geklärt werden und wir wussten, dass unsere Hilfsgüter am richtigen Ort angekommen sind.


 

Die Güter waren abgeladen und der erste Teil der «Mission» war abgeschlossen. Was nun folgte, war der zweite Akt. Wir trafen auf diesem Parkplatz eine Mutter mit ihrer vierzehnjährigen Tochter, welche mit uns in die Schweiz fahren. Gerade erst kamen sie über die Grenze, gerade erst haben sie ihren Mann / Vater an der Front zurückgelassen. Beide verbleiben in sich gekehrt, der Schock traf sie tief. 

Wir fuhren an den nächsten Treffpunkt in Przemysl, wo wir uns im Vorfeld mit den restlichen sechs Flüchtlingen verabredeten. Ein Einkaufszentrum, dass zu einem Flüchtlingslager um fungiert wurde. Ganze drei Tage hatten sie dort auf uns gewartet, in unbequemen Betten, zusammengepfercht mit hunderten von Flüchtlingen. Privatsphäre und Ruhe war nicht vorhanden.


Es sind Bilder von Menschen, die wir nie vergessen werden; Menschen, die ihre Schildkröten oder Katzen auf den Händen tragen; Eine Helferin, die einen Tierstand betreute und in Tränen verfiel, als wir ihr diverse Tierutensilien ablieferten; Mütter, die bereits seit Tagen unterwegs waren, mit einem grossen Koffer ausgestattet und ihre Kinder an den Händen haltend - es ist alles, was sie aus ihrem Leben noch besitzen. 

Zum Glück fanden wir die Frauen mit ihren Kindern schnell: Zwei Mütter; eine mit ihrer neunzehnjährigen Tochter, die andere mit einer dreizehn- und vierjährigen Tochter, wie auch einem siebenjährigen Sohn. Wir spürten, dass wir diesen Ort möglichst schnell verlassen mussten. 

 

Am Anfang der Fahrt war die Stimmung angespannt. Doch bereits beim ersten grösseren Halt an einer Raststätte in Polen, schmolz die Anspannung langsam dahin. Wir gaben den Flüchtlingen ein warmes Getränk und stellten ihnen Sandwiches zur Verfügung. Eine der Frauen erzählte uns von ihrer Reise und ihrem Mann, den sie mit fast neunundfünfzig Jahren zurücklassen musste. 

Alle Ukrainer zwischen achtzehn und sechzig Jahren werden in den Krieg eingezogen, es gibt dabei kaum Ausnahmen. Während ihrer Erzählungen fällt einigen von uns ein, dass unsere Väter auch noch gerade in diesem Alter sind, es hätte auch sie getroffen. Die Erzählungen von jemanden, der eine solche Situation gerade erlebt hatte, gehen tief unter die Haut. Wir versuchen stark zu bleiben, zumindest so stark wie sie, auch wenn uns einige Tränen über die Backe liefen. Für unsere Tränen bleiben noch die Tage nach der Fahrt.


In der Nacht fielen die meisten in den Schlaf und die Reise ging schnell voran. Abwechselnd fuhren wir wieder zurück in die Schweiz, während nach unzähligen Fahrstunden die ersten Lichtstrahlen auf die Windturbinen in Deutschland trafen. Wir hatten die Reise schon fast geschafft, als auf der Höhe von Stuttgart die Planung eine Wendung nahm. Eine der Familien wollte nicht mehr in die Schweiz, denn sie hatten einen anderen Platz in Luxembourg gefunden. Einen Platz, der dieser Familie besser entsprach und an dem sie in einer Sprache betreut werden können, welche sie verstehen. Für die Entscheidung, welche diese junge Mutter für sich und ihre Kinder treffen musste, blieben ihr nur wenige Tage, bzw. Stunden. Die Änderung ihres Ziels ist daher verständlich, doch jetzt noch einmal umdrehen? 

Die Strapazen der Fahrt waren bei allen spürbar und die Nerven lagen bei manchen blank. Wir waren seit knapp vierzig Stunden unterwegs und konnten nur in relativ unbequemen Fahrersitzen schlafen, sofern das als Schlaf bezeichnet werden kann.

 


Aber eine Frau und drei Kinder die nur Russisch oder Ukrainisch sprechen an einem Bahnhof in der Schweiz zu lassen, bei dem sie mindestens drei Mal umsteigen müssten, das war keine Option für uns. Die Entscheidung musste schnell gefällt werden, so beschlossen wir, uns aufzuteilen. Ein Auto Richtung Mülhausen (FR), wo ein direkter Zug nach Luxembourg fuhr, das andere nach Zürich. Doch bevor wir uns trennten, kam von einer der geflüchteten Personen noch der Wunsch nach einem Gruppenfoto.



Nach gut achtundvierzig Stunden konnten wir alle an einen sicheren Ort bringen und freuten uns nun auf ein horizontales Bett. Die dankbaren Gesichter der Flüchtlinge, als sie endlich an einem sicheren Ort angelangten, bleiben für uns unvergesslich. Die Erfahrungen und Emotionen, vor allem aber auch die spürbare Liebe, wird für immer in Erinnerung bleiben. 

 

Wir hatten es schon während der Reise gedacht, jede und jeder von uns, doch nun wurde es klar: «Das war nur die erste Fahrt!»