2. Fahrt - Die Reise geht weiter

18.-20. März 2022


Vielleicht ist es nur ein kleiner Tropfen auf einen heissen Stein; 
doch steter Tropfen wird ihn dennoch höhlen.


 

 

 

 

 

Es war kaum eine Woche vergangen, als wir wieder losfuhren. Dieses Mal mit drei Fahrzeugen und einer weiteren Fahrerin und weiterem Fahrer. Das Ziel war dasselbe: Przemysl in Polen, mit einem kleinen Abstecher nach Medyka.


Wir kannten nun die Strecke, wir wussten, dass das Benzin in Deutschland am teuersten und dass der Schlaf vor allem auf der Hinreise wichtig ist. Zudem hatten wir uns eine Beschriftung beschafft. So wie viele andere Fahrzeuge auf der ersten Reise: Die Unterstützung aus der Bevölkerung wurde während der letzten Reise eindrücklich sichtbar, wir sahen Transporter aus Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Slowenien, Holland, Schweden, England und vielen anderen Ländern. 

Fragt sich nur: wie lange diese Hilfeleistung wohl noch so hoch bleibt?

 


 

 

 

Es ging auf direktem Weg zum Grenzübergang nach Görlitz und von dort durch Polen nach Przemysl. Immer mit dabei waren unsere Funkgeräte, über die wir miteinander kommunizierten. Im Gegensatz zu der ersten Fahrt, war die Aufregung nicht mehr so gross, immerhin wussten wir ja, was uns erwarten wird - dachten wir zumindest.


 

Der Treffpunkt für die Hilfsgüter war derselbe wie eine Woche zuvor, das verlassene Gebäude etwas ausserhalb der Stadt. Und auch diese Woche haben wir gewartet, doch in Empfang nahm uns eine andere Person. Ein etwas festerer Mann mit kurzen Haaren trat auf uns zu und sprach mit tiefer Stimme: «Hi, nice to meet you. Please follow, we bring you to droping place.» Sein Englisch war gebrochen, sein Gesichtsausdruck ohne grosse Gesten, aber wir wussten, was er von uns wollte. «Sicher wieder der gleiche Parkplatz wie letzte Woche», sagten wir uns.


Wir folgten also dem weissen Van: jedoch nicht zu dem Parkplatz, aber mehrere Strassen entlang, aus Przemysl heraus und durch kleinere Dörfer hindurch, an tristen Feldern vorüber und verlassenen Häusern vorbei. Irgendwie entstand ein mulmiges Gefühl, als sogleich der Funkspruch kam: «Fahren wir nun in die Ukraine hinein?». Denn auf der Karte kam die Grenze immer näher. 

Nach einem kurzen Telefon mit unserer Kontaktperson wurde klar, wir fahren nicht in die Ukraine, der Hof sei noch in Polen. Naja, zumindest noch gute 500 Meter von der Grenze entfernt. 

Wir folgten also weiterhin dem Van, bis wir über eine kleine Brücke fuhren und zu einem Hof gelangten, bei dem uns ein bellender Hund begrüsste.

 


 

Wäre es ein Gangsterfilm aus den 70er Jahren gewesen, so hätten uns auf diesem Hof ein paar Ganoven überfallen. Die Stille im Auto verriet, dass viele von uns so dachten. Doch dies war kein Film aus vergangenen Zeiten, es war Krieg, es war die unschöne Realität aus dem Jetzt. Zwar wurden wir nicht ausgeraubt, doch die verlorene Mimik in den Gesichtern der Helfer vor Ort machte uns klar: diese Personen fahren heute Nacht ins Ungewisse und bringen unsere Hilfsgüter in den Krieg, ohne zu wissen, ob sie am nächsten Tag zu ihren Frauen auf dem Hof zurückkehren werden.


Wir teilten die Kindersitze auf, verteilten die Decken und Kissen und machten den Proviant bereit. Somit waren die Fahrzeuge startklar - das nächste Ziel hiess Medyka. Wir stiegen gerade in die Autos, als plötzlich ein bekannter Ton wahrnehmbar wurde. 

Einer, der aus der Stille heraus an Lautstärke zunahm. Ein Ton, der wie einem nie endenden Muhen einer Kuh gleicht, welches in die Länge gezogen und immer höher wird, bis es abflacht und wieder höher wird: Es war der Raketenalarm, der uns aufschreckte.

 

Für eine halbe Minute übernahm die Angst das Denken, bis klar war, dass alle Einwohnerinnen und Einwohner um uns herum ganz gelassen ihren Einkauf fortführten. Anscheinend war es nicht der erste Alarm, der hier erklang.

 


 

Nach diesen Erlebnissen fuhren wir weiter, wobei auf dem Weg die Erleichterung kam: die Hilfsgüter waren am richtigen Ort abgeladen und wir konnten uns nun auf die Flüchtlinge konzentrieren. Es war unsere erste Fahrt direkt an die Grenze, während wir auf dem Weg erfuhren, dass der Vater der Familie, welche wir später transportierten, sich gerade von ihnen verabschiedete und sie über die Grenze schickte, um danach allein zurückzukehren, zurück an die Front: Immerhin mit dem Wissen, dass seine Frau und Kinder in Sicherheit sein werden.


Auf dem Parkplatz in Medyka war reger Betrieb, die Autos kamen und gingen, immer kontrolliert durch Polizisten und Militär. Es herrschte ein ruhiges Durcheinander, währenddessen sich die Klänge eines Pianos über das Zeltlager verbreiteten. Ein junger Pianist spielte «Imagine» von John Lennon, was die traurige Situation untermalte. 

Glücklicherweise fanden wir die Familie mit ihren beiden Katzen und ihrem Labrador ohne grössere Probleme. Zwei junge Frauen, die theoretisch ebenfalls in Medyka auf uns warteten, waren bereits weitergereist, weil sie nicht mehr darauf vertrauten, dass wir tatsächlich noch kommen. Die Verzögerung beim Abladen kostete uns sicher 2 Stunden mehr Zeit als erwartet.



 

Wie es das Schicksal wollte, trafen wir aber gerade einen anderen Schweizer auf dem Parkplatz, der ebenfalls solche Fahrten durchführte und noch 2 Personen hatte, die sonst nicht hätten transportiert werden können: eine Zwanzigjährige und ihr sechzehnjähriger Bruder mit Trisomie 21. Zwei Personen, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sehr wahrscheinlich in Probleme geraten wären. 

 

So fuhren wir also halbbeladen weiter, zu den nächsten beiden Orten, an denen weitere Personen auf uns warteten.

 


Die Sonne war schon verschwunden, als wir endlich vollzählig waren und unsere Reise in die Schweiz in Angriff nahmen. Auch wenn das Abladen der Hilfsgüter und Aufladen der Flüchtlinge mit unerwarteten Hindernissen und Umwegen bestückt war, so ging die Fahrt zurück in die Schweiz ohne Zwischenfälle voran. 

Die Fahrt führte durch das flache Polen, die grossen Wäldern in Deutschland und an unzähligen Windkraftwerken vorbei. 

Auf der Höhe zwischen Nürnberg und Stuttgart stand die Sonne bereits wieder am Horizont, als die Flüchtlinge langsam aus ihren Traumwelten erwachten. Wir gingen mit ihnen in die nächste Raststätte und machten einen längeren Halt, um zu essen. Der Schock der Reise verschwand allmählich aus ihren Gesichtern, manche konnten ihre Anspannungen lösen und den Tränen endlich freien Lauf lassen, welche sie so lange Zeit verbargen.

 



 

 

 

Die Grenze zur Schweiz war nah und die Ankunft nicht mehr weit entfernt. Im Gegensatz zu letzter Woche, gab es diesmal keine kurzfristigen Änderungen mehr. So wurden alle Flüchtlinge von ihren neuen Gastfamilien in Grosswangen abgeholt. 

 

Ein Moment der Freude, ein Moment, in dem sich vieles lösen konnte. Auch wenn zwischen ihnen und uns eine Sprachbarriere herrschte, ihr Ausdruck der Freude, ihre Umarmungen und ihre, wie auch unsere Tränen, sagten mehr als tausend Worte.

 


Wir werden nun sicher ein Wochenende pausieren, aber die Pläne für die nächste Fahrt haben sich schon entwickelt. 

Eine Anfrage von einer Pfarrei hat uns erreicht, welche sich spezifische Hilfsgüter für Flüchtlinge in Uschgorod, einer Stadt an der slowakisch-ukrainischen Grenze, wünscht. Eine Anfrage, die wir gerne erfüllen werden, denn die Menschen dort verstecken sich in den Anhöhen der Karpaten und können unsere Hilfe dringend gebrauchen.